Yamas, Hanuman & Patanjali: Teacher Training auf Bali (2)

von Britta Zietemann
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Wenn du Teil 1 vom Teacher Training Tagebuch noch nicht gelesen hast, bitte hier entlang. 

Am ersten Tag geht es beim Teacher Training auf Bali nach dem leckeren Frühstücksbuffet bald wieder los

 

Wir sollen unsere Bücher mitbringen, die ich seit Wochen mit mir mitschleppe und die gefühlt fünf Kilo wiegen. Ab heute haben wir täglich sechs Stunden Theorie. Wir lernen Sanskrit, sagen ab sofort Adho Mukha Svanasana statt “down dog”, Surya Namaskar A statt “Sun A”, und sind selbst erstaunt, wie flüssig einem irgendwann Eka Pada Raja Kapotasana oder Pincha Mayurasana über die Lippen geht. Auch die Koshas (Körper), die Nadis (Energielaufbahnen) und die Chakras (Energiepunkte) lernen wir, und auch, wie man sie stimuliert, beruhigt oder merkt, dass irgendwas im Ungleichgewicht ist.

Dann kommen auch die Geschichte und Philosophie hinzu: Wo kommt der Yoga (ja, es heißt “der”) überhaupt her, was hat es mit der Bhagavad Gita auf sich und ist Tantra wirklich das, was wir glauben? Wie kann ich über die Einhaltung der Yamas (allgemeine ethische Gebote) und Niyamas (Gebote im Umgang mit sich selbst) zum Ziel, nämlich Samadhi (Einheit, Erleuchtung) gelangen? Jeden Tag bekommen wir Hausaufgaben, müssen Kapitel lesen, Begriffe lernen und einen Aufsatz zu einem Thema schreiben.

Einen Tag geht es um unsere Gedanken zur Gewaltlosigkeit (Ahimsa), an anderen um Enthaltsamkeit (Brahmacharya) oder (spirituelle) Passion, Selbstbeherrschung (Tapas). Unsere Hausaufgabe vor dem Training war, die Yoga Sutras von Patanjali zu lesen und wenn möglich zu verstehen. Ein Werk, was jeder angehende Yogalehrer gelesen haben sollte. Irgendwie habe ich jedoch das Gefühl, es gibt wenige aus unserer Gruppe, die so brav waren wie ich und sich durch die teilweise dann doch mühseligen Passagen durchgewurschtelt haben. Alles in allem ein essentielles Werk – abgefahren, dass das Wort Asana ungefähr in zwei Sutren (was so etwas ist wie Psalme) vorkommt – von mehreren Hundert. “Asana” bedeutet ja ursprünglich Sitz, später dann die Art zu sitzen während der Meditation. Die Übungen sollten quasi nur den Körper stark genug machen, um lange genug im Meditationssitz ausharren zu können.

 

“Do your practice and all will come”

 

Hier geht es jedoch ganz klar um Asanas. Wir praktizieren Vinyasa Yoga, entstanden aus dem dem dynamischen Yoga nach dem Vorbild Krischnamacharyas. Von ihm stammen die meisten dynamischen, modernen Yogaformen wie Ashtanga oder Power Yoga ab und wurden durch seine Schüler, deren Namen prominenter sind als er, weitergegeben. Unter unseren Schülern sind sehr viele, die sich auf das rein Körperliche fokussieren möchten, ehemalige Kunstturner, Fitness-Trainer oder Massagetherapeuten, die eine Zusatzqualifikation benötigen. Die nächsten Tage und Wochen gehen wir über hundert Asanas durch und geben immer in Zweiergruppen dem jeweiligen Partner Anweisungen, Korrekturvorschläge und legen selbst Hand an.

Wir lernen, wie man Anfängern im Handstand hilft, worauf man bei Utthita Trikonasana achten sollte und wieso der schnelle Übergang von Krieger I in Krieger II – übrigens seeeehr häufig Bestandteil der Yogapraxis – schädlich für die Hüfte sein kann. Wir drehen und strecken uns in alle Richtungen, kräftigen jeden erdenklichen Muskel und auch ich mit meinem Knackpunkt Schultergürtel kann irgendwann “L-Shapes” und Handstand halten.

Drei Asanas soll sich jeder aussuchen, die man täglich drei mal 15 Minuten übt – und dann nach drei Wochen können soll. Die einen üben Kopfstand, andere haben immer Probleme mit den Hamstrings, den hinteren Oberschenkelmuskeln, die durch Laufen, Sitzen und Kraftsport oft stark verkürzt sind, und müssen ganz banal den nach unten schauenden Hund üben. Wieder andere heben sich lässig in den Skorpion, die seitliche Krähe oder probieren sich am Spagat.

 

Ab Tag 5 etwa kommt etwas mehr Leben ins Spiel

 

Unsere Anatomielehrerin Jennilee Toner, die Energie in Person. Ehemals Drill Instructor bei der Army, nun sanfte Yogini mit kurz geschorenen Haaren, vielen Tattoos und einem umwerfend sympathischen, wenn für uns Ausländer auch oft unverständlichen, Boston-Akzent. Sie lehrt uns auf sehr unkonventionelle Weise, was Philanges, Talus und Fibula sind, bei welchen Asanas der Latisimus dorsi am besten trainiert wird, damit man ein sexy Kreuz bekommt (vor allem unsere männlichen Teilnehmer spitzen die Ohren), und warum eine Massage des Psoas ziemlich angenehm ist. Sie rockt das Ganze, versprüht eine Wahnsinnsenergie und nimmt einfach jeden mit.

Mittlerweile hat sich jedoch der Bali Belly unter uns Yogis ausgebreitet: Fast jeder fehlt mindestens mal einen Tag, weil es ihm so richtig mies geht. Einige sind ganz arm dran und bekommen das Magen-Darm-Virus gleich mehrmals hintereinander. Blöd, denn bei einem so intensiven Training verpasst man natürlich an einem einzigen Tag sehr viel Stoff, und außerdem ist Vidya, unsere Lehrerin, ziemlich streng: Jeder, der eine Stunde verpasst, muss seinen Aufsatz auf drei Seiten zum jeweiligen Thema abgeben, zu dem er nicht anwesend war. Auch für uns Gesunde ist der Zeitplan knackig: Fünf Bücher (dicke), dazu das Training Manual, die täglichen Essays, Anatomie-Latin-English und Sanskrit. Meine Mitbewohnerin trinkt übrigens mittlerweile deutlich mehr Kaffee als jemals zuvor.

 

Morgens Meditation, anschließend immer neue Yogastunden mit Fokus auf verschiedene Aspekte

 

Mal Herzöffner, mal Armbalancen, mal wird die Praxis dem Affengott Hanuman gewidmet, nach dem wiederum eine Asana, der Spagat, benannt ist. Alicia, eine der Assistentinnen, singt mit uns vor jeder Yogastunde nun Mantren – immer auf die nachfolgende Stunde ausgerichtet.

Da wird Durga beschwört für die Kraft-Sequenz, Ganesha für die Yogastunde, die uns unsere Probleme angehen lassen soll, oder Shiva, der Zerstörer, um mit alten und falschen Gewohnheiten zu brechen. Zu Beginn ist das gewöhnungsbedürftig und etwas esoterisch. Aber nach einer Zeit genieße ich manchmal auch die Vibrationen, die die Silben mit sich bringen – auch, wenn Rick neben mir mal wieder ganz schön falsch und tief singt. Die folgenden 2,5 Stunden Yoga sind oft fordernd – zumindest für mich. Aber auch andere kämpfen mit einigen Asanas (Hallo Konkurrenzdruck).

Manchmal habe ich die Schnauze voll und will nicht mehr, weil ich mich ordentlich ins Zeug legen muss – und schwupps folgt in diesem Moment eine Stunde von Alicia, in der wir unseren inneren Schweinehund überwinden sollen. Oder ich habe leicht schlechte Laune, da es in Strömen regnet, während es in meiner Heimat schönster Sommer ist – und schon kommt Jennilee mit einer “Good Vibrations”-Session daher, bei der man einfach nur noch fröhlich sein kann – und an deren Ende sich tatsächlich die Sonne über die angrenzenden Reisfelder schiebt.

– Lest jetzt den dritten Teil des Teacher Training Tagebuchs –

 

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Ausbildung zum Yogalehrer: Wie läuft das eigentlich genau ab? 25. November 2014 - 9:47

[…] ihr Teil 1 und Teil 2 des Teacher Training Tagebuchs schon […]

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Yogalehrerausbildung auf Bali: Ein Erfahrungsbericht 25. November 2014 - 9:47

[…] – Teil 2 könnt ihr hier nachlesen – | Lest auch unsere Pack-Tipps für die Bali Reise oder unsere Packliste für das nächste Yoga Retreat […]

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