Entschleunigung: Warum es manchmal ganz gut tut, einen Gang zurückzuschalten

von Jasmin Schüller

Niederschlag ist fast ein Fremdwort hier in Peking. Es regnet selten, meist nur einige Wochen im Hochsommer. Auch der Winter bisher: furztrocken. Bis auf letzten Dienstag, da schneite es dann für drei Stunden dicke Flocken vom Himmel. Und zwar genau dann, als ich mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Kindergarten war, wo die Kleinen sich schon auf eine Kinderyogastunde gefreut hatten. Noch wenige Meter trennten mich von der Eingangstür, ich nahm die letzte Kurve und… zack! Hab ich mich mal richtig schön mit dem Fahrrad hingelegt!

Also dann statt Kinderyoga zunächst mal Krankenhaus

Ergebnis: geprellter Daumen, Zerrung in der Leiste. Ratschlag der Ärztin: Ruhig liegen und warten, bis die Schmerzen vorbeigehen. Super Tipp, danke. Die Moral von der Geschichte: Fahrradfahren bei Schnee war vielleicht keine gute Idee. Und ich weiß sehr wohl: Nochmal gutgegangen. Hätte wirklich weitaus schlimmer sein können. Trotzdem war es für mich gerade am Anfang ganz schlimm. Bin ich doch sonst immer „op jöck“ (unterwegs), wie man in Köln so schön sagt. Neben meinem Job im Kindergarten unterrichte ich einige Male in der Woche Yoga, Deutsch oder gebe Reiki-Behandlungen. Daneben treffe ich mich mit Freunden, gehe selbst zum Yoga oder arbeite am Laptop. Also irgendwas ist immer los. Jetzt gerade beschränkt sich meine Aktivität auf Jammern, Essen, Lesen und im Internet rumtingeln. Und der für’s Wochenende geplante Ausflug hat sich nun auch erledigt.

Es folgte ein ausgiebiges Bad in Selbstmitleid

Am Anfang war ich erst mal mega sauer. Vor allem auf den Schnee. Und auch ein bisschen auf mich, denn ich hätte ja auch den Bus nehmen können. Auf das Schicksal ebenfalls, denn meine ganzen Pläne für die Woche waren ja jetzt dahin.

Voller Selbstmitleid musste ich sofort allen im Umkreis berichten, was passiert war. Mit Foto von dem geschienten Daumen selbstverständlich. Die von Mitleid triefenden Nachrichten und Besserungswünsche taten zwar meinem Ego gut, aber mies drauf war ich danach immer noch.

Ob mich da wohl jemand/etwas mit Absicht entschleunigt hat?

Und dann, nach den ersten Stunden auf der Couch, formte sich langsam der Gedanke, dass es wohl mal wieder ein Zeichen sein musste. In den letzten Wochen war ich oft erst richtig spät abends Zuhause und bin dann recht schnell erschöpft eingeschlafen. Kaum eine freie Minute, schnell mit dem Rad von einem Ort zum Anderen und irgendwie dazwischen noch flott was Essen gehen. Anscheinend musste das Schicksal diesmal drastische Maßnahmen ergreifen, um mich einen Gang zurückzuschalten. Damit ich mich mal wieder auf mich besinne, mein Innenleben.

Wenn man nur von Termin zu Termin hetzt bleibt halt wenig Zeit um einfach mal still zu sein und in sich hineinzuhorchen. Um Dinge zu tun, die man sonst immer zur Seite schiebt um sie später zu erledigen und die dann oft leider doch in Vergessenheit geraten.

Was folgte, war viel Zeit. Quality Time mit mir selbst

Auf einmal vielen mir total viele Dinge ein, die ich auch mit den Beinen auf der Couch erledigen könnte: Die längst überfälligen E-Mails an meine lieben Freunde, die Bücher zu Ende lesen, die gestapelt auf dem Nachttisch liegen. Mal wieder in einen Artikel für HappyMind schreiben. Und auch ganz wichtig: Einfach mal an einem leckeren Tee nippen und die Gedanken fließen lassen: Was beschäftigt mich eigentlich zur Zeit, wie zufrieden bin ich mit meiner derzeitigen Situation? Was sind meine Pläne und welche Schritte muss ich dafür in Angriff nehmen? Wie stelle ich mir mein Leben in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr vor? Ebenfalls auch mal ein Blick auf die letzten Monate: Was ist gut gelaufen? Was hab ich gelernt? Was hätte ich eventuell besser machen können?

Stillstand ist halt doch nicht immer der Tod

Und ich muss sagen: Die Stille Zuhause, die Ruhe, in die ich gezwungen wurde, tut gut. Sehr sogar. Auch die Wut über den Sturz ist längst verflogen und der Dankbarkeit gewichen. Sollte halt mal wieder so sein. Ich wurde entschleunigt und habe wieder gelernt. Sollte ich öfters mal machen, mir eine solche Ruhe gönnen und mich wieder mal auf mich selbst besinnen. Danke liebes Schicksal!

Also, wenn du auch manchmal das Gefühl hast, dass die Tage, Wochen, Monate nur so an dir vorbeifliegen, dann steig doch mal runter vom Gaspedal. Termine können auch mal verschoben oder abgesagt werden, man muss nicht zu jeder Bitte „Ja“ sagen und man verpasst auch nicht zwangsläufig was, wenn man nicht an jedem Event teilnimmt. Manchmal ist es halt viel früchtetragender, einfach mal wieder Quality Time mit sich selbst zu verbringen.

 

 

Fotocredit: Sina Niemeyer

3 Kommentare

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3 Kommentare

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Tim 21. März 2017 - 9:47

Hey Christina,
ja da würde ich doch mal sagen hast du mich etwas aufgerüttelt.
Du hast vollkommen Recht. Manchmal muss man sich einfach mal ne Pause gönnen, auch wenn noch so viel zu tun ist.
Danke für den Artikel!

Liebe Grüße

Tim

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Christina Waschkies 23. März 2017 - 9:47

Huhu Tim, freut mich wenn der Artikel etwas Ruhe in dein Leben gebracht hat. :) Alles Liebe!

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Christina 12. März 2017 - 9:47

Stimmt, die Entschleunigung kommt so oder so – wenn man nicht selbst dafür sorgt, wird man eben ausgebremst. Die Erfahrung habe ich im Januar auch gemacht mit einer fiesen Grippe, die mich dann aber eine Woche zum Runterschalten gezwungen hat. Und am Ende der Krankschreibung fühlte ich mich sogar richtig erholt. Manchmal weiß man nicht, wofür manches so gut ist. Besser wäre natürlich, man müsste nicht erst krank werden, um mal ein paar Gänge runterzuschalten. :) Ich hoffe, deinem Daumen geht es inzwischen wieder besser. :)

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